.... Musikzirkus-magazin.de .... Interview mit Michael Neihs

Interview mit Michael Neihs
Anfang 2005 via Internet geführt

   

Stephan: Michael, du hast bis 1999 mit Volker Jüngerich als Duo Waveshape traditionelle Elektronikmusik im Stile der „Berliner Schule“ veröffentlicht. Nach der Auflösung der Formation ist es ruhig im dich geworden. Jetzt erscheint unter dem Projektnamen Heizkörper neue Musik von dir. Was hast du so in den letzten Jahren - nach Waveshape - musikalisch getrieben?

Michael: Volker und ich hatten in der letzten Phase von WAVESHAPE mit einem neuen Projekt begonnen: RADIUM. Wir sahen dieses Projekt aber nie als eine Art Ersatz für WAVESHAPE. An beiden Projekten hatten wir damals parallel gearbeitet. Das war die kreative Zeit um 1996 bis 1997. Mit WAVESHAPE hatten wir noch einige Konzerte in Vorbereitung und auf der "Baustelle" RADIUM entstanden erste konzeptionelle Entwürfe einer als Trilogie anvisierten CD-Serie namens "Arkos", deren erster Teil im Sommer 1998 auf der Popkomm in Köln Premiere feierte und unter dem Publikum für reges Interesse und Aufsehen gesorgt hatte. Direkt nach der Popkomm präsentierten wir unser Überraschungsei noch auf einigen Events der lokalen Clubszene. Doch leider befand sich die Musikwelt zu diesem Zeitpunkt bereits mitten in einem zerstörerischen Strudel und wir erkannten, dass unsere musikalischen Ziele in weite Ferne rückten. Gegen Ende 1998 entschieden wir uns schließlich, das gemeinsame Studio in Windeck-Stromberg aufzulösen, da wir für unsere gemeinsame künstlerische Laufbahn keine Perspektive mehr sahen. Das war eine schlimme Zeit, die geprägt war von Enttäuschung und Resignation; wir standen den Veränderungen der Musikwelt machtlos gegenüber.


Michael zu Waveshape-Zeiten

Ich benötigte daraufhin etwas Zeit, um Abstand zu gewinnen. Im heimischen Studio hatte ich nun die nötige Ruhe und Muße für neue, ausgedehnte Klang-Experimente gefunden. Die Elektronische Musik war schon immer ein bedeutender Teil meines Lebens. Alles aufzugeben, wäre ein zu großes Opfer für mich gewesen. Damit die Sache jedoch nicht auf dem Niveau brotloser Kunst stagnieren sollte, musste ich mir eine neue Nische suchen. Und mir war von vornherein klar, dass ich - aufgrund der radikalen Veränderungen des globalen Musikbusiness und dem sich völlig gewandelten Konsumverhalten der Hörer - meine Musik nicht nur allein über die Veröffentlichung von CD Produkten nach außen bringen darf. Ich musste andere Anwendungen finden und den Fokus der Verwertung meiner Musik effektiver und unabhängiger ausrichten. So entschied ich mich, vorrangig im Bereich Eventvertonung tätig zu werden. Mir schoss sogleich der Gedanke durch den Kopf, Backgroundmusic für Modenschauen zu machen. Diese schrille Welt, diese unterkühlten Models und dieses versnobbte Ambiente war die passende Kulisse für trancelastige Space-Music mit leicht düsteren Themen und einem sexy Beat bei 124 BPM. Um stets frisches Material präsentieren zu können, entstand eine kleine Palette an lounge- und ambientorientierter Elektronischer Musik. Das war meine Versicherung ... da entstand praktisch ein kleiner unverbindlicher Katalog im Voraus, um stets gerüstet zu sein und aus dem ich schöpfen konnte. Die Produktion von CD's war dabei zunächst gar nicht beabsichtigt. Im Vordergrund stand die Aufführung und Einbindung meiner Musik in publikumswirksame und externe Rahmenprogramme. Das war der Plan.

Stephan: Hat das dann mit den Events geklappt? Wenn ja, wo wurde deine Musik aufgeführt?

Michael: Es gab ein paar Events, die sehr spannend und toll waren und in näherer Umgebung stattfanden. Dort lieferte ich Backgroundmusic für Handelsmessen, Modenschau, Feuerwerk, Kunstausstellungen oder bspw. auch ein Ballonfahrer-Treffen. Gut in Erinnerung ist mir eine Clubwear Präsentation für den mw-store oder das verstorbene Label MEC oder auch die Performance für den Promi-Haarstylisten ArtHair. Ich war u. a. im Raum Frankfurt-Hennef-Köln-Düsseldorf unterwegs.

Stephan: Lief die Musik dann von CD oder hast du auch mal live zu derartigen Events gespielt?

Michael: Die Musik wurde vor Ort aus vorbereiteten HDR-Spuren zusammengemischt und mit Live-Effekten versehen oder per Loops/Cycle gestreckt. Der Ablauf des Programms war somit nie starr. Ich konnte in das Geschehen eingreifen, um den Dialog mit dem Publikum nicht zu verlieren. Stellenweise projizierte ich dann auf Leinwänden eine VLM-Show aus meiner 64-Bit "Kanone" ... ähnlich den Konzerten von WAVESHAPE. Aber meist hatten die Veranstalter auch eigenes Videomaterial dabei.


Foto aus Radium-Session

Stephan: Was genau sind VLM-Shows?

Michael: VLM-Show steht für Virtual-Light-Machine-Show und bedeutet, dass eine Musikdarbietung optisch untermalt wird. Diese Aufgabe übernimmt eine Hardware oder spezialisierte Software, die die Musik analysiert und in Echtzeit laufende Bilder und polychrome Muster erzeugt, die auf eine Leinwand projiziert werden. Man kennt diese Muster und Bilder bspw. vom Windows Media Player, der ja sehr populär ist, aber nur pubertären Pixelmüll erzeugt.

Volker und ich hatten bereits im Jahre 1995/96 eine VLM auf Konzerten eingesetzt, die vom Computerguru Jeff Minter programmiert wurde. Damals waren wir Pioniere auf diesem Gebiet, heute verwendet das jeder dumme Depp auf der Bühne, selbst DJ Ötzi und dieser ganze senile DSDS-Einheitsbrei.

Die computergenerierten Bilder entstehen also synchron zur Musik und werden von Klangfarbe (Frequenz), Lautstärke (Amplitude), Stereoverteilung (Panorama) und natürlich vom Rhythmus (BPM) beeinflusst. Diese Parameter greifen als Variablen in die ausgewählte Fraktalfunktion (Apfel-, Plasma-, Hüpferalgorithmus) ein und bestimmen die optische Gestaltung des laufenden Programms.

Stephan: Auf den Heizkörper-Veröffentlichungen geht es um Musik, die ursprünglich für ein Computerspiel komponiert wurde. Bitte erzähl ein wenig darüber, wie es dazu kam und warum das dann doch nicht für ein Spiel verwendet wurde.

Michael: Auf einer Videogame Convention kam ich in Kontakt mit einer kleinen deutschen Programmierergruppe, die an einem klassischen Space-Shooter arbeiteten. Die Jungs zeigten mir voller Stolz ein kleines Demo ihres Spiels. Dieses war in einem sehr frühen Stadium und besaß noch keine Musik. Da sie keinen Musiker im Team hatten, bot ich mich an. Per Handschlag willigten sie ein und ich machte mich am nächsten Tag sogleich an die Arbeit. Nachdem sie von mir Promo-Material und erste Entwürfe eines Soundtracks erhalten hatten, sagten sie zu und unterschrieben ein Vertragsabkommen. Ich war jetzt Mitglied eines Programmierteams. Die Realisation des Soundtracks dauerte ungefähr ein Jahr. Als die Musik fertig war, wurde in einem Forum die Existenz dieser Musik als bereits erhältliche Soundtrack-CD beworben. Das war auch so gewollt und vertraglich fixiert, denn der Soundtrack sollte als autarke CD-Produktion bereits vor dem offiziellen Releasetermin des Spiels im Handel erhältlich sein, um über die Musik die Aufmerksamkeit des Publikums für das Spiel zu gewinnen. Von der Idee her wäre dies ein sehr fruchtbarer Weg gewesen, doch leider wurde die Weiterentwicklung des Spiels wegen mangelnder Kompetenz und Motivation der Programmierer eingestellt. Ich glaube, selbst das 1.Level des Spiels ist noch nicht mal fertig geworden. Und dies bei einer Entwicklungszeit von mehr als drei Jahren. Inzwischen dürfte die komplette Software-Engine des Spieles ohnehin total veraltet sein. Die Hauptschuld an dieser Tragödie trägt aber vor allem der Teamchef in seiner Rolle als hauptverantwortlicher Programmierer, da er seine eigenen Interessen - wie sich nachher herausstellte - bereits auf ein anderes Projekt gerichtet hatte und eine stetige Fortentwicklung des Spiels nicht unterstützte und sich mit Sachen beschäftigte, die mit dem Spiel rein gar nix zu tun hatten. Mich und alle anderen des Teams ließ er jedoch im guten Glauben ... totales Missmanagement eben.

Stephan: Das ist äußerst ärgerlich. Warum hat es denn dann so lange gedauert, bis du deine Musik im Jahr 2004 auf den Markt gebracht hast?

Michael: Die Maxi war noch in Arbeit und sollte zeitgleich mit dem Soundtrack erscheinen. Da das Spiel jedoch wohl niemals die Ladentische entdecken wird, wurde der Soundtrack als autarkes Werk in "My Fetching Red Firebutton" umgetauft. Eine andere Idee, die zunächst fixiert wurde, war, über den Soundtrack als unabhängiges CD-Release Neugierde und eventuell einen Bedarf für das Computergame zu wecken, da der Soundtrack bereits vor dem Release des Spiels auf den Markt kommen sollte.

Stephan: Deine Musik klingt heute mehr nach Trance und Goa, allerdings mit Einflüssen von Kraftwerk, die an einigen Stellen unüberhörbar sind. Schon auf der 1998’er CD „Radium – Arcos (1)“ waren schon mehr bpm als üblich von dir und Volker zu hören. Stellt deine heutige Produktion die konsequente Fortführung dieses Stiles dar?

Michael: Ich würde sagen, die Musik ist aus einer Stimmung her entstanden, für die ich mich in diesem Moment berufen fühlte. Und ich selbst möchte das gar nicht beurteilen wollen, ob die Musik eine konsequente Weiterentwicklung der Radium-Produktion ist. Jedenfalls setze ich mich nicht vor meine Musikanlage mit dem Gedanken: "So, jetzt mache ich die Arkos (2)", oder so. Die Musik entsteht konzeptionell.

Stephan: Apropos „Arkos“. Besteht eine Chance, dass dieses Werk eine Fortsetzung bekommt, oder ist das Projekt mangels Resonanz gestorben?

Michael: Weniger aufgrund mangelnder Resonanz, sondern eher, weil die Macher hinter dem Projekt (also Volker und ich) nicht mehr zusammen im Studio arbeiten werden. und aus Respekt vor unserer gemeinsamen Schaffenszeit möchte ich ein „Arkos II Projekt“ nicht alleine starten.

Stephan: In welcher Musikszene bist du heute zuhause?

Michael: Oh, das weiß ich momentan selber gar nicht so genau. Aber ich habe jetzt schon von vielen Leuten gehört: "Hey, echt coole Mucke, erinnert mich an Kraftwerk". Auf dem Co-Pop Festival in Köln kam eine Verantwortliche des SOMA auf mich zu mit den Worten: "Du hast das Potential, das Erbe von Kraftwerk anzutreten". Daraufhin wurde ich etwas rot im Gesicht. Das ist eine hohe Auszeichnung, die mir die nette Frau überbrachte. Aber hoffentlich deckt sich ihre Meinung mit meinem Gedanken, wie ich diese Auszeichnung verstehe: nämlich nicht als billige Kopie sondern als stilistisches Mittel. Mit einer Gruppe wie Kraftwerk verglichen zu werden, war nicht meine Absicht. Umso mehr war ich davon überrascht. Kraftwerk fährt schon so lange im gelben Trikot der elektronischen Musik, dass ich mir einen Vergleich gar nicht anmaßen oder auferlegen möchte. Was mir daran aber so imponiert, ist die Tatsache, dass Kraftwerk selbst in keine dieser standardisierten Schubladen passt. Genau dieses "Problem" entdecke ich auch bei mir. Tapfer trotzt Kraftwerk dem allgegenwärtigen Wahn von Volksverarschung und schnell verdienter Mark in der Musikwelt. Kraftwerk macht sein eigenes Ding. Ich auch. Deswegen sitze ich zwischen den Stühlen verschiedener Musikgenre.

Stephan: Sieht man dich auch live auf der Bühne bzw. an den Tables?

Michael: Vielleicht ergibt sich ja auch mal etwas für Veranstaltungen wie E-Live, Alpha Centauri, Burg Satzvey usw. An den Tables sieht man mich aber ohnehin eher selten. Ich war immer an Live-Acts interessiert, d. h. mit Equipment und Instrumenten auf der Bühne. Ich bin kein DJ und niemals möchte ich so was sein!

Stephan: Auf dem Cover der CD „My Fetching Red Firebutton“ sieht man dich von hinten und man könnte vom Outfit und den Haaren (Wasserstoffblond) meinen, es wäre Sven Väth, der da auf der Plattenhülle zu sehen ist. Ist das gewollt und verbindet dich etwas mit Sven?

Michael: Mich und Sven Väth etwas verbinden? Nein! Der kommt aus einer anderen Ecke. vielleicht äußerlich, aber das ist nicht gewollt und ... by the way ... ich hatte die haare vorher so :-)

Stephan: Wie sehen deine musikalischen Zukunftspläne aus?

Michael: In der heutigen, schnelllebigen und launischen Zeit ist es sehr schwer, überhaupt noch Pläne zu machen. Ich denke, diese neumodischen Verwertungskanäle wie bspw. dieser ganze Klingeltöne-Kommerz ist gerade dabei, auf ein erträgliches Maß zu schrumpfen. Ich persönlich bin kein Freund von dieser Art des Musikkonsum. Ich bin eher der traditionelle Musikliebhaber, der ins Geschäft geht, um sich eine CD von der Musik zu kaufen, die ich gut finde. Damit stehe ich aber leider in der Minderheit der heutigen Konsummentalität. Für mich persönlich hat ein handfester, greifbarer und vor allem originaler Tonträger (mit allem was dazu gehört, also Booklet, CD-Label, das gesamte Artwork) immer noch einen hohen Stellenwert und für mich gilt nur derjenige als echter schaffender Künstler, der einen Tonträger veröffentlichen konnte oder kann. Darin eingeschlossen auch gerne eine Vinylveröffentlichung.

Stephan: Hierzu möchte ich ergänzen, dass es mir genau so geht. Ich gehöre zu denjenigen, die ebenfalls bei einem Album das Artwork und das Booklet brauchen. Ich bin der Meinung, dass man bei einem Album etwas in der Hand haben muss und da ist euer Album „Arkos“ ein gutes Beispiel, da es wirklich eine tolle Aufmachung besitzt. Musik aus dem Internet zu laden, ohne Booklet etc., kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Michael: Ich sehne mich zurück in die 80er Jahre. Dem Einzelhandel ging es gut. Die Preise waren akzeptabel. Die Konsumenten waren kaufbereiter und erfreuten sich der Qualität ihrer neuen Errungenschaften. Die Künstler konnten planen und wirtschaften und sich über ihre meist ehrliche Musik in jeder Form nach außen hin ausdrücken. Neue Foren und Plattformen entstanden. Eine überaus fruchtbare und erfolgreiche Marktsituation, die wohl nie mehr in dieser Form anzutreffen sein wird. Heute muss man kleine Brötchen backen, und mit dem wenigen, was entsteht, zufrieden sein.

Stephan: Vielen dank für die ausführlichen Antworten.

Menue - Musiker