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Interview mit Curio Wiedu
April/Mai 2005 via Internet geführt



 

Stephan: Curio, dein Name klingt italienisch, handelt es sich dabei um deinen echten oder um einen Künstlernamen?

Curio: Ja der Curio hat auch einem echten Namen (grins), der hier aber keine Rolle spielt........... Italienisch (grins), nein der Curio ist eigentlich ein Deutscher mit einer Spanischen Mutter der in England geboren ist (zu lange Geschichte für jetzt). Entstanden ist der Name „Curio“ ursprünglich aus der Tatsache dass mein eigenwilliger Geschmack sich immer wieder um „curiose“ Dinge windet. Nahe liegend war es dann für mich daraus meinen Künstlernamen zu schaffen. Der Nachnahme spricht übrigens immer den „curiosen“ Teil eines jeden anderen Menschen in sich an, es macht mir Spaß die Leute auf ihre eigenen oft unbemerkten „curiosen“ Eigenarten aufmerksam zu machen, deshalb „Wiedu“. Also „Curio Wiedu“ bedeutet ganz einfach „Ich und Du“, „Du und Ich“, „geben und nehmen“, „ein Schwein wäscht das andere“(grins), das zieht sich durch mein ganzes schaffen hin.

Stephan: Eigentlich müsste man erst über deine Musik sprechen, aber was als erstes bei deiner CD „Momentum“ ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Aufmachung der DoppelCDR. Die Hülle besteht aus vier gerösteten und gepökelten Stahlplatten, die durch Lederstreifen zusammengehalten wird. Da kommt mir gleich der Gedanke, dass du nicht nur mit Musik sondern auch anderen Kunstrichtungen vertraut bist. Liege ich da richtig?


CD-Hülle von "Momentum" (außen)

Curio: Das kommt der Sache schon nahe, die Hälfte meines bisherigen Lebens habe ich damit verbracht mit den verschiedenstartigen Materialien den Menschen etwas näher zu bringen, meist in Form von Werbung und Reklame, oft auch nur mit Fotos und grafischen Illusionen.

Stephan: Im Innenteil befindet sich noch ein 32seitiges Booklet, das sehr schöne Grafiken enthält. Sind die alle von dir selbst erstellt?

Curio: Ja, (grins) alles aus meiner „Boucherie Sturm“ (www.boucherie-sturm.net).

Stephan: Warum lieferst du dem Käufer eine derart aufwendige Verpackung?

Curio: Ich liebe es den Menschen die sich für meine Arbeit interessieren was zu bieten, also jetzt nicht nur die Außenhülle, sondern alles, „Das ganze Packet“. Ich will die Leute damit beschäftigen, Verbindungen untereinander zu schaffen, innen wie außen. Also nicht nur sehen und hören, sondern auch tasten und fühlen, manchmal sogar riechen. Das gleiche gilt auch für die Titel der Stücke, beim Entstehen der Stücke gibt sich alles bei mir die Hand. Mal steht zuerst der Titel und dann wird ein Bild dazu gemacht, dann entsteht die Musika, oft kommt zuerst die Musik, dann die Grafik und dann erst der Titel, es macht halt wie es will. Es ist halt erst Furiosa Curiosa wenn ich es schaffe ein bestimmtes Gefühl in irgendeiner vorher genannten Form miteinander zu verbinden.

Ich gebe in dem „Moment“ viel und bekomme auch durch die Aufmerksamkeit der Leute viel zurück. Zum anderen kann ich mich sehr gut an meine früheste Jugend erinnern, stundenlang einfach die Schallplatten zu drehen und zu wenden um einfach alles zu entdecken oder auch erstmal zu verstehen, vom Text zum Bild und zu der oder dem „ollen“ Künstler auf der Rückseite.

Heute ist in unserer Industriellen Maschinerie oft alles gleich, die Industrie stellt Dosenmuzak am Fliessband her, Gänseblumen erschreckende Ohrwürmer, tief greifend bewusstseinsverändernde Klingeltöne und viele andere schreckliche Dinge. Doch da müssen wir durch, ich denke es wird noch schlimmer (grins), und deshalb fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut.

Stephan: Da kann ich dir nur beipflichten, ich muss bei einem Album auch immer etwas in der Hand halten und da ist die Aufmachung schon wichtig. Ist „Momentum“ deine erste CD?

Curio: Nein, es gab bereits 1998 eine CD-Veröffentlichung, jedoch als „Cosmical Curiosites - The Garden of obscure Art“. Das Design besagter CD sah sehr interessant aus, viel tranzluzentes blau und silberfarbener Siebdruck, Hollogrammuster sowie Collagen. Die Musik war gar nicht so weit entfernt von „Momentum“, noch ein wenig einfacher gehalten, vor allem dem Instrumentarium wegen. Hatte zu der Zeit weit aus weniger Equipment und auch erst 1 Jahr lang meinen ersten Synthesizer der natürlich von Anfang an, ordentlich durchgenudelt wurde, sowie der Körper es halt braucht, macht halt was er will.

Stephan: Hast du die CD in gleicher Form (Eigenregie) raus gebracht und ist sie noch erhältlich?

Curio: Ja, „Cosmical Curiosites“ war auch ein in Eigenregie veröffentlichtes Produkt von dem es noch ein paar wenige Exemplare gibt. Wer noch eins möchte kann dies über die Webseite tun, einfach kurz nachfragen.

Stephan: Seit wann machst du Musik und hast du dich schon immer mit der elektronischen Musik befasst?

Curio: Also zum selber Musik spielen bin ich erst 1997 gekommen, zu der Zeit gründete ich und eine Handvoll guter Freunde die total verrückte Band „Spiral Brain Garden“. Dort wurde mit einer wechselnden Besetzung aus Synthesizern, Gitarren, Bass, Beatmaschinen, Orgeln, Percussions und in deutscher Sprache verfasster Lyrik, mit allem gebrochen wie wir nur konnten. Hat zwar nicht sehr lange funktioniert, ich glaube 2 1/2 Jahre, war aber absolut klasse und lehrreich.

Den Geist und Körper damit zu beschäftigen fing schon so im Kindesalter an, also fast schon klassisch. Mit Kassettenrecorder und Mikrofon wurde von der Kinderhörspielkassette bis zu dem was aus meines Vaters Weltempfänger kroch, alles zu meiner Freude in ein gewisses Gleichgewicht gebracht. 

Stephan: Habt ihr die Musik von Spiral Brain Garden der Nachwelt in Form von CDs erhalten?

Curio: Leider nicht wirklich, es gibt zahllose Aufnahmesessions die es verdient hätten, doch wir waren wohl alle zu „chaotisch“ und „verschieden“. Der Naitsirhc hat dann zu späterer Zeit mit anderem Konzept und anderem Klang den „Spiral Brain Garden“ weitergeführt, auch in Form von CDs.

Stephan: Wo liegen deine Musikalischen Wurzeln? Hast du Vorbilder?

Curio: Rückblickend würde ich sagen in Spanien, unter einem längst vertrockneten Kuhfladen (grins). Nein im Ernst, meine Wurzeln sind irgendwo zwischen E-Gitarrengeschnorchel, Elektronischer Hasenrasur und Kinematographischer Membranhaut. Vorbilder, hmmm....... Ennio Morricone, Einstürzende Neubauten und verschiedenste Elektronische Pioniere.

Stephan: Welche Art von Musik hörst du selber?

Curio: Alles was mich bewegt und erregt.

Stephan: Und was bewegt und erregt dich (natürlich nur aus musikalischer Sicht gesehen)?

Curio: (grins), ok du willst mehr hören, mal sehen...

Also von „Ashra Tempel“ zu „Bernhard Herrmann“, „Bohren & der Club of Gore“ zu „Carl Orff“, „Can“, „Calexico“, „Clair Obscur“, „Corvus Corax“ zu „Dead Can Dance“, „Einstürzende Neubauten“, „Ennio Morricone“, „Ernst Horn“ zu „Faust“, „Goethes Erben“, „Godspeed“, „In the Nursery“ zu „John Barry“, „John Cale“ zu „Klaus Schulze“, „Kraftwerk“, „Laibach“, „Legendary Pink Dots“, „Lustmord“ zu „Manu Chau“, „Michael Nyman“, „Michael Rother“, „Mouse on Mars“, „Nils Petter Molvaer“ zu „Oskar Sala“, „Phillip Glass“, „Popol Vuh“ zu „Radiohead“, „Sigur Ros“ zu „Tangerine Dream“, „Throbbing Gristle“ zu „The Residents“, „The Revolutionary Army of Infant Jesus“ bis hin zu „The Velvet Underground“.Ich hoffe das stellt dich erstmal zufrieden.

Stephan: Die Musik auf „Momentum“ ist nicht leicht zu verdauen, denn du hast dich von „normalen“ Strukturen gelöst und verbindest harmonische mit experimentellen Passagen. Teilweise wird durch den Einsatz von schrebbelndem Basslauf (ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll) ein Gegenpol zu den Harmonien gesetzt. Was bezweckst du damit?

Curio: „Schwierige Frage“, ich versuche es mal so:

Wo „Helligkeit“ und „Dunkelheit“ zusammentreffen gibt es einen gleißenden Blitz, vielleicht könnte man die von dir genannten „Harmonien“ als „Helligkeit“, und den „schrebbelnden Bass“ als „Dunkelheit“ bezeichnen. Zusammen sind das dann zwei Suchende, suchend nach „Momentum“. Ich muss gestehen das die 12 Stücke auf „Momentum“ für mich auch eine Suche waren, eine Suche nach den Momenten in denen losgelöste gleißende Energien rein aus dem musikalischen Moment erschaffen, züngelnd um meine Gefühle tanzen. Für andere ist das vielleicht auch nur eine Gänsehaut oder das besondere Gefühl, mit einem besonderen Menschen, in einem besonderen Moment, ein mir jetzt unbeschreibliches Gefühl miteinander zu tauschen. Für alle die jetzt denken „ohhhje, was für ein Spinner“, kann ich nur sagen das ich ein absoluter Reallist bin, Reallist mit einer surrealistischen Ausdrucksweise (grins). Ich hoffe deine Frage hiermit beantwortet zu haben.

Stephan: „Momentum“ bietet aber nicht nur zwei CDRs sondern auch noch eine Minidisk, die zwei Videos zu den Stücken „Chromzungentango“ und „Korrosionsrinde“, die in einem sehr surrealistischen Stil gehalten sind. Ich kenne so etwas beispielsweise von der Prog-/Artrockband Porcupine Tree. Wie sind die Videos entstanden?

Curio: Ganz klar aus dem Willen heraus selbst einmal so was wie einen Film zu machen. Entstanden sind die Videos bei mir zuhause, der Großteil der Szenen sind Fotos die ich auf Reisen, Ausflügen oder Erkundungstouren mache, deshalb sind die Videos für mich immer kleine „organische Zeitmaschinen“. Zum surrealistischen Staubsauger wurde ich schon in meiner Pubertät, die Möglichkeiten der modernen Technik erkannte ich kurze Zeit später. Was anfangs einmal mit zwei Videorecordern begann, mache ich heute bequem am Computer. Zum Ende der Produktion wollte ich aus „Momentum“ einem ganzen Film machen, was dann aber vermutlich wieder ein Jahr und weitere Kosten eingebracht hätte, so blieb es bei den zwei Videos. Von Porcupine Tree kenne ich nur sehr wenig, sah sie aber schon mal Live was „grandios“ war.

Stephan: Apropos „Chromzungentango“, da gibt es ja noch „abgedrehtere“ Titel wie zum Beispiel „First Move On Espiral Ingwerstrudel“, „Fußtupferperle“ oder „Koriander Hologramm“. Wie kommt man auf solche Titel?

Curio: Ich versuche es mal am Beispiel von „Fußtupferperle“. Stell dir folgende Szene vor: Nachts in meiner Küche kommt mir plötzlich der Gedanke das Füße mich mit ihren Augen ansehen, kurz darauf frage ich Diana (meine Lebensgefährtin) ob ich ihre Füße Fotografieren dürfte, wie gesagt so getan. Als nächstes sind dann ihre Augen dran, dann Platz auf dem Küchentisch machen, Laptop drauf und „los“. Aus meiner „Curiositäten-Sammlung“ wird noch ein schöner Perlenvorhang als Hintergrund verwendet, den ich kurz zuvor auf einer Messe fotografierte, alles noch einmal durch die Curioschleuder und zwei Stunden später steht die „Fußtupferperle“. Das geht nicht immer so schnell, manchmal unterliegen solche Dinge auch einem gewissen Reifeprozess, es macht halt wie es will. „Fußtupferperle“ ist übrigens das einzige „Liebeslied“ auf „Momentum“ (grinsen geht jetzt schon in lautes Lachen über).......

Stephan: Würdest du die CD mit ihrer Kombination aus Musik, Metallverpackung, Video, Grafiken und Texten (es liegt noch ein Faltblatt in einer extra angebrachten Plastikfolie im Album) als Gesamtkunstwerk verstehen?


"Momentum" Innenteil

Curio: Nicht unbedingt, ich sehe es eher als „Gesamtkonzept“ das fast schon klassisch ist. Ich habe mich ein wenig an den schönen alten Schallplatten orientiert, welche sehr oft opulent daherkamen, viele Fotos, Texte, aufwendiges Layout, offen liegende oder versteckte Geschichten, ein Titelstück und vieles mehr in sich hatten. Bei dieser Gelegenheit kann ich ja mal eins der versteckten Dinge an „Momentum“ lüften, weil mir schon oft auffiel das nicht alle es verstanden hatten. Also, ein gleichnamiges Titelstück gibt es auf „Momentum“ ja auch, es wird nur nicht im Booklet aufgeführt und ist deshalb auch gesondert als Faltblatt mit Text als Beilage dabei. Für die, die es immer noch nicht geschlussfolgert haben, Stück 6 auf CD 1 ist „Momentum“ (schmunzel). Und so gibt es noch verschiedene andere Dinge zu entdecken, wie bereits schon erwähnt, ich will die Leute damit beschäftigen Verbindungen herzustellen, Verbindungen zwischen der Musik, den Grafiken und den Texten.

Stephan: Hast du mal darüber nachgedacht live aufzutreten?

Curio: Klar, schon öfters. Ob das mit Furiosa Curiosa geschehen wird ist noch fraglich, ich will den Zuschauern keine Show vom Band bieten und dann ein wenig dazu spielen, das liegt mir nicht und langweilt mich, ich lasse es deshalb offen. Mal sehen was da noch so passiert, das Leben macht halt was es will.

Stephan: Wie sehen deine nächsten musikalischen Pläne aus?

Curio: Die nächste Furiosa Curiosa-Veröffentlichung soll so was wie ein surrealer Musik-Artmovie werden. Also wie schon auf „Momentum“ in Form von Videos die dann, wer weiß, eine Komplette Geschichte erzählen. Die Musik wird dabei natürlich auch ohne die Videos funktionieren, wie bisher. Vielleicht möchte mir jemand damit finanziell unter die Arme greifen (frisch gewaschen natürlich), wer traut sich? Anfragen diesbezüglich können gerne über die Webseite vorgenommen werden.

Stephan: Zum Schluss möchte ich auch noch einmal auf deine tolle Homepage zu sprechen kommen. Die Grafiken auf der Homepage sind sehr ungewöhnlich, grafisch aber sehr ansprechend. Ich denke da zum Beispiel an den mit Augen bestückten Fuß, der das Menü darstellt. Auch die beweglichen Elemente sind äußerst phantasievoll erstellt worden. Ist das Internet ein weiterer Kunstzweig, mit dem du dich beschäftigst?

Curio: Mittlerweile ja, das Internet bietet schon unglaubliche Möglichkeiten die meiner Meinung nach noch immer in den Kinderschuhen stecken, ich bin selbst gespannt wo sich die Webseite hin entwickelt, im Moment baue ich an einer Seite die inhaltlich einen Flug mit einem grünen Bus über eine Landschaft birgt. Alles ist möglich und deshalb liebe ich das Leben. Herzlichen Dank für das Interview, Stephan.

Stephan: Vielen Dank auch an dich Curio. Es hat eine Menge Spaß gemacht, dieses Interview mit dir zu führen. Ich bin schon sehr gespannt, was da als nächstes von dir kommt. Wie schon gesagt, bin ich vor allem von dem Gesamtprodukt sehr angetan.

April/Mai 2005

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