Grobschnitt Acoustic Party
(Werkhof, Hagen-Hohenlimburg, 21.06.2019)

 

Beim Abschlusskonzert der Last Party Tour am 04.12.1989 hatte sich Lupo auf der Bühne mit den Worten „Mögen die Erinnerungen bleiben“ von den Fans verabschiedet. Die Hoffnungen der Fans waren groß, dass nicht nur die Erinnerungen, sondern auch Livemusik von Grobschnitt wieder zu hören sein würde. Über viele Jahre hielten sich Anhänger dann mit den von Eroc herausgebrachten Livemittschnitten und seltenen Aufnahmen sowie bei Fantreffen über Wasser. In 2007 dann die erste große Überraschung, als The Next Party der Generationenband Grobschnitt in Hagen-Hohenlimburg mit einem Testkonzert begann und die Formation dann bis 2012 die Massen begeisterten.

Als dann das letzte Konzert in der Essener Grugahalle gespielt war und diese Formation auseinanderging, schienen die Livepartys mit Originalmitgliedern Geschichte zu sein. Im Frühjahr 2019 platzte dann aber eine erneute Bombe, denn Gerd Otto Kühn (Lupo), Stefan Danielak (Willi Wildschwein) und Stefan Danielak jun. (Nuki) gaben bekannt, dass es eine Grobschnitt Acoustic Party geben würde. Natürlich wieder mit Eröffnungsgigs im Werkhof in Hagen-Hohenlimburg.

 

 

    

Alle Dekaden der Band sollten dabei bedacht werden, bei denen die drei Protagonisten die Stücke nur mit ihren Westerngitarren spielen sollten. Wer die Shows und den voluminösen, druckvollen Sound ihrer Stücke kennt, war zunächst skeptisch, ob diese überhaupt in Akustikversionen umsetzbar sind. Vor allem Stücke wie „Rockpommel’s Land“ und „Solar Music“, die zum Tafelsilber der Band zählen, schienen in dieser Form zunächst unspielbar. Aber ein Video auf der Bandseite zeigte schon mal eine kurze Kostprobe mit Ausschnitten einiger Songs, die Appetit auf mehr machten. Und so ist es kein Wunder dass die beiden Termine in der mit ca. 140 Sitzplätzen ausgestatteten Katakombe des Werkhofes schnell ausverkauft waren.

     

Das erste Konzert fand am 21.06.2019 in der komplett gefüllten Katakombe des Werkhofes statt. Schon vor dem Einlass und auch während der Wartezeit bis zum Beginn wurden alte Erinnerungen ausgetauscht und die Spannung unter den Besuchern war deutlich zu spüren. Kurz vor 20:00 Uhr wurde dann der Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ (ein alter Bekannter) vom Band gespielt, womit den Besuchern klar war, dass es danach los geht. Pünktlich betraten Lupo (Leadgitarre), Willi (Gitarre, Gesang) und Nuki (Gitarre, Gesang, Percussion) die Bühne und starteten mit einem Intro, auf das dann der erste Song des Abends „Vater Schmidt’s Wandertag“ folgte. Und Willi sprach allen aus der Seele als er die ersten Worte „Heut ist ein schöner Tag“ sang. Es war der Beginn eines grandiosen Auftrittes, denn schnell zeigte sich, mit welchem Volumen die drei an ihren Holzinstrumenten agierten.

    

    

Es ist kaum zu glauben, dass Lupo als er vor gut zwei Jahren mit dem Üben begann seit Ende 1989 nicht mehr zur Gitarre gegriffen hat. Er hat sich in den letzten Monaten nicht nur alle Songs draufgespielt, sondern diese auch noch mit Raffinesse, Spielwitz und einer hohen Spielfertigkeit garniert, das einem Augen und Ohren im Werkhof aufgingen. Dabei sorgten alle drei an ihren Westerngitarren für eine unglaubliche Dynamik und ein umfangreiches Volumen, das ich so nicht erwartet hätte. Hervorzuheben ist aber auch Willi’s Gesang. Seine Stimme ist wie ein guter Wein, je älter sie wird, desto besser wird sie.

    

     

Es war eine Augenweise Lupo zuzuschauen wie seine Hände förmlich über die Saiten seiner Gitarre flogen. Mal flink, dann wieder sehr filigran. Dazu verstand er es wie ein Entertainer Geschichten aus der Zeit zwischen 1970 und 1989 in humorvoller Art und Weise zum Besten zu geben.

    

    

Es müssen unglaublich viele Übungsstunden vergangen sein, denn die Drei verstanden sich blind auf der Bühne und hatten die Stücke so umarrangiert, dass sie kaum ein anderes Instrument vermissen ließen. Es fand ein ständiges Wechselspiel zwischen den Dreien statt, die ihre Parts perfekt aufeinander abgestimmt hatten. So wechselten sich beispielsweise Lupo und Nuki in „Vater Schmidt’s Wandertag“ mit Sololinien ab (bei anderen Stücken spielten sie auch zweistimmige Soli), während Willi Akkorde und Rhythmus an den Saiten oder gleichzeitig dem Korpus seiner Gitarre übernahm. Es folgte „Wonderful Music“ vom ersten Album. Wie Lupo erklärte fehlte der Band damals noch in Song auf der zweiten Seite der LP und so schnappten sich damals er und Willi ihre Holzgitarren und legten los.

    

    

Nach den wunderbaren Stücken der ersten drei Alben kam dann mit „Rockpommel’s Land“ der letzte Song vor der Pause. Diese Version beinhaltete „Ernie’s Reise“, „Anywhere“ und „Rockpommel’s Land“ in einer gut 28minütigen Version und einer tollen Fassung des Finales. Als Hommage an die alte Show stand im Hintergrund ein Maraboo-Kostüm, das farblich angestrahlt wurde, während die Bühne in Nebelschwaden und farbigen Lichtern versank. Das Stück wurde in einer hinreißenden Version geboten. Lupo erzählte dazu sehr humorvoll, dass das Stück damals im bayrischen Dingolfing erstmals live gespielt wurde. Der Ort, weit weg von zu Hause, sei gewählt worden, weil die Band nicht wusste wie es ankam und wollte sich Fluchtwege wie nach Tschechien und als letzte Alternative Österreich offen halten. Nach diesem ersten Highlight des Abends gab es Standing Ovations.

     

Der zweite Teil begann dann mit dem Titelstück ihres 1979’er Albums „Merry-Go-Round“. Dem folgte dann das selten live gespielte und auf keinem Studioalbum veröffentlichte „Snowflakes“ (es ist aber in einer Liveversion auf dem Livealbum „Volle Molle“ im Jahr 1980 herausgekommen). Das Stück ist die englische Version ihrer aus dem Jahr 1976 stammenden Single „Sonnenflug“. Mit „Sonnenflug“ wollten sich Grobschnitt damals, weil es auf keine LP passte, spaßeshalber beim Grand Prix de la Chanson (heute Eurovision Songcontest) bewerben. Lupo erzählte dann das die Metronome den Song tatsächlich zur Bewerbung abgegeben hat, jedoch durch den Umstand, dass sie auch gleich ein Bandfoto mitgeschickt hätten, sei es dann doch nicht zur Teilnahme gekommen. Stattdessen sei Tony Marschall ausgewählt worden, dessen Titel aber – aufgrund einer bereits früheren Veröffentlichung – wieder zurückgenommen wurde. Für ihn gingen dann die Les Humphries Singers an den Start. Aber was wäre das wohl für ein Event gewesen, hätten Grobschnitt damals für Deutschland gesungen!!!!!

    

    

Das nächste Stück, „Silent Movie“, ist wie für eine Akustikgitarrenversion gemacht und gehörte zwangsläufig ins Programm. Die Jungs hatten das Stück aber stark bearbeitet, so dass die Strophen erst kaum zu erkennen waren. Einen Akzent setzte Nuki dann an der Triangel J. Ähnliches gilt für das wunderbare „Raintime“. Ein weiteres Stück aus dem „Ilegal“-Album kam dann mit „The Sniffer“ an die Reihe. Das 1982’er Album „Razzia“ wurde dann zunächst einmal übersprungen und es ging mit dem Stück „Könige der Welt“ vom 84’er Werk „Kinder und Narren“ weiter. Wie schon in den anderen Stücken wurden auch in diesem Song einige Passagen geändert und neue Klänge sowie Rhythmusmuster eingebaut. Das stand dem Stück aber hervorragend.

    

    

Das Highlight des Abends kam dann – wie bei allen Grobschnitt-Konzerten üblich – am Ende der Show. „Solar Music“ wurde in der „Sonnentanz“-Version“ geboten, die als „Solar Music Acoustica“ betitelt war. Dabei beließen es die Drei aber nicht nur mit dem Nachspielen des Stücks, das in dieser Version ca. 25 Minuten lang wurde. Das Stück orientierte sich zwar an den früheren Fassungen enthielt aber im Mittelteil („Uhrkampf“) einen komplett neuen Part. Dieser bestand aus mediterranen, spanisch anmutenden Gitarrenlinien, die diesem „Sonnentanz“ eine weitere, neue Note verliehen. Als Anspielung auf das Finale, in dem früher der Wikinger mit einem brennenden Kreuz auf die Bühne kam, wurde in der Akustikversion fünf Kerzen eines Kerzenleuchters entzündet. Dieses letzte Stück des offiziellen Programms sorgte erneut für Standing Ovations im Publikum. Die drei waren sichtlich gerührt und verließen nach dem lang anhaltenden Applaus die Bühne erst gar nicht sondern legten sofort die Zugabe „Wir wollen leben“ vom „Razzia“-Album nach, bei dem das Publikum lautstark den Refrain mitsang.

    

                     

Nach fast drei Stunden wurde dann mit dem Stück „Dein Weg nach Haus“, das wie Ende der 80‘er vom Band kam, das Ende eingeläutet. Ein grandioses Konzert, das bei allen Besuchern die Erwartungen weit übertroffen haben, endete damit, dass die Drei sich noch etwas Zeit für die Fans am Bühnenrand nahmen und Autogrammkarten verteilten. In dieser Form bekamen die Stücke ein ganz neues Gesicht. Wer die Grobschnitt-Songs mag sollte die nächste Acoustic Party unbedingt besuchen.

    

 

Setlist

Intro
Vater Schmidt’s Wandertag
Wonderful Music
Morning Song
Drummer’s Dream
Magic Train
Traum und Wirklichkeit
Rockpommel’s Land
Merry-Go-Round
Snowflakes
Silent Movie
Raintime
The Sniffer
Könige der Welt
Solar Music (Sonnentanz) Acoustica Version


Zugabe

Wir wollen leben

Stephan Schelle, Juni 2019